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Vita Ein Portrait von Massimiliano Valente und Angela Molteni Übersetzung von Monika Lustig
DER FILM [II]
Der Vorsitz des Italienischen Ministerrats in Person des damaligen Innenministers Tambroni leitet eine gerichtliche Maßnahme gegen Pasolini und Livio Garzanti ein. Der Prozess endet mit einem Freispruch, weil "die Tat keinen Straftatbestand darstellt". Das Buch, das ein ganzes Jahr aus dem Buchhandel verbannt war, wird wieder freigegeben. Pasolini wird zur beliebten Zielscheibe der Zeitungsschreiber, die die Seiten der Verbrechenschronik füllen; man bezichtigt ihn der absurdesten Vergehen: Beihilfe zu Schlägerei und Diebstahl; bewaffneter Raubüberfall auf eine Bar, die an eine Tankstelle in der Ortschaft San Felice Circeo angrenzt. 1957 arbeitet Pasolini zusammen mit Sergio Citti am Drehbuch des Films Die Nächte der Cabiria von Fellini: ihre Aufgabe ist es, die einschlägigen Dialogstellen in römischem Dialekt niederzuschreiben. Er wird Drehbuch−Co−Autor zusammen mit den Regisseuren Bolognini, Rosi, Vancini und Lizzani ihrer jeweiligen Filme; letzterer gibt ihm im Film Der Bucklige von Rom, 1960 eine Rolle. In diesen Jahren arbeitet Pasolini neben Leonetti, Roversi, Fortini, Romanò, Scali für die Literaturzeitschrift "Officina". 1957 wird seine Gedichtsammlung Le ceneri di Gramsci, (dt. Gramsci's Asche) und im Jahr darauf erscheint im Verlag Longanesi L'Usignolo della Chiesa Cattolica, (dt. Die Nachtigall der Katholischen Kirche). ![]() 1961 realisiert Pasolini seinen ersten Film als Regisseur und Drehbuchautor: Accattone − Wer nie sein Brot mit Tränen aß. Der Film wird für Unterachtzehnjährige verboten und sorgt bei den XXII. Filmfestspielen von Venedig für Aufruhr. Im Jahr 1962 entsteht dann sein Film Mamma Roma. Die Filmsequenz La ricotta (dt. Der Weichkäse) unter der Regie von Pasolini und in den Film RoGoPaG eingefügt, wird beschlagnahmt; Pasolini wird wegen Verunglimpfung der Religion des Staates angeklagt. Unter seiner Regie folgen die Filme Das Erste Evangelium Matthäus, 1964; Große Vögel − Kleine Vögel, 1966; Edipo Re − Bett der Gewalt, 1967; Teorema − Geometrie der Liebe, 1968; Der Schweinestall, 1969; Medea 1969-70; Zwischen 1970 und 1974 arbeitet er an La trilogia della vita oder Das Decameron, Pasolinis tolldreiste Geschichten und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht; Pasolinis letzter Film Die 120 Tage von Sodom, entstand im Jahr seines Todes, 1975. Für sein filmisches Schaffen unternimmt er zahlreiche Reisen ins Ausland: Im Jahr 1961 hält er sich zusammen mit Elsa Morante und Alberto Moravia in Indien auf; 1962 reist er in den Sudan und nach Kenia; 1963 dann nach Ghana, Nigeria, Guinea, Israel und Jordanien; in letzterem Land dreht er einen bedeutenden Dokumentarfilm mit dem Titel Ortsbesichtigungen in Palästina. ![]() "Noch nie habe ich mich so sehr in ein Land verliebt. Außer vielleicht in Afrika. Aber nach Afrika will ich, um zu bleiben, um nicht unterzugehen. Ja, Afrika ist wie eine Droge, die man nimmt, um nicht unterzugehen. New York hingegen ist ein Krieg, dem du dich stellst, um in den Tod zu gehen." (17) 1968 ist Pasolini in Indien, um einen Dokumentarfilm zu drehen: Notizen zu einem Film über Indien. 1970 zieht es ihn erneut nach Afrika und zwar nach Uganda und Tansania; er dreht den Dokumentarfilm Notizen zu einer afrikanischen Orestie. 1972 veröffentlicht Garzanti Pasolinis Kulturkritiken, insbesondere seine Filmkritiken in dem Band Empirismo eretico (dt. Ketzererfahrungen. Schriften zu Sprache, Literatur und Film, übers. kommentiert und mit einem Nachwort v. Reimar Klein, Hanser, München 1979) In den Jahren der Studentenrevolte vertritt Pasolini eine besonders originelle und eigenständige Position gegenüber den restlichen linksorientierten Kulturschaffenden. Wenngleich er die ideologischen Standpunkte der Studenten teilt und sie unterstützt, ist er dennoch der Ansicht, dass diese in anthropologischer Hinsicht der Bourgeoisie angehören und als solche in ihrem revolutionären Anliegen zum Scheitern verurteilt sind. 1968 zieht Pasolini seinen Roman Teorema aus dem Wettbewerb für den bedeutendsten italienischen Literaturpreis "Premio Strega" zurück und erklärt sich zur Teilnahme am XXIX Filmfestival von Venedig erst dann bereit, nachdem ihm versichert wurde, dass keine Abstimmungen und Preisvergaben stattfinden würden. Pasolini gehört zu den vehementesten Unterstützern der Filmautorenvereinigung, welche für die Selbstverwaltung des Festivals kämpft.
1970 erwirbt Pasolini die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses in der Nähe von Viterbo. Er baut es wieder auf, und beginnt dort mit der Niederschrift seines unvollendeten Romans Petrolio. 1972 beschließt Pasolini mit den jungen Leuten von Lotta Continua zusammenzuarbeiten, und gemeinsam mit einigen von ihnen, darunter Bonfanti und Fofi, realisiert er den Dokumentarfilm 12. Dezember − über das Massaker auf der Piazza Fontana in Mailand. 1973 beginnt seine Mitarbeit bei der Tageszeitung "Corriere della Sera", er verfasst kritische Artikel über die Probleme des Landes. 1975 veröffentlicht Garzanti die Sammlung seiner kritischen Schriften Scritti corsari (dt. Freibeuterschriften. Aufsätze und Polemiken über die Zerstörung des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft, übers. von Thomas Eisenhardt, Wagenbach, Berlin, 1978), auf die die erst posthum veröffentlichten Ketzererfahrungen (ibid) folgen. Er legt eine neue Sammlung Furlanischer Gedichte vor: La nuova gioventù. |
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